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Seit wir hierher gezogen sind, steht der Mond am späten Nachmittag noch ganz schief am Himmel. Er dreht sich erst gegen Abend, in der Nacht auf seine „richtige“ Position. Ich finde selbst, dass das einigermaßen verrückt klingt. Aber es ist tatsächlich eine Beobachtung, die ich bei ab- und zunehmendem Mond regelmäßig mache, seit ich von hier aus in den Himmel sehe.
Auch der Boden zieht mich hier anders an als zuvor. Ich habe inzwischen eine Vorzucht von Stockrosen, Gurken und Pflücksalat angelegt. Wir haben bereits das erste Mal im Garten gesessen und zugesehen, wie sich das Bild des Magnolienbaums vor dem schwindenden Licht verändert.
Manchmal notiere ich Sätze und mich überwältigt die Angst, etwas zu schreiben, das wirklich gut ist. Dass nicht nur gut ist, sondern auch als gut erkannt wird. Immer wieder scheitere ich an Vorhaben, die einen langen Atem brauchen, für die Geduld notwendig ist, und Disziplin. Vor allem aber ein kontinuierliches Arbeiten. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre, wenn ich wirklich nur schreiben würde, wenn ich den Mut hätte, mich voll und ganz darauf einzulassen, und auf den Brotjob zu verzichten. Aber mein Mut reicht nicht einmal dazu, mir das vorzustellen. Nicht einmal für eine Vorstellung reicht er aus!
Und so verstecke ich mich und vergrabe mich, so suche ich mir kleine Winkel in denen ich allein sein kann und bin erschöpft von all den Dingen, die überflüssig sind, die ablenken von dem, was eigentlich sein soll. Trotzdem versuchen den Urtext zu finden, der unter dem liegt, womit andere mich überschrieben haben.
Zeitumstellung. Abends will ich nicht ins Bett, morgens nicht aufstehen. Und besagte Zeitumstellung.
Theater. Eine Inszenierung von Der Große Gatsby. Großartiges Bühnenbild, tolle Kostüme. Ästhetisch wirklich ein Genuss. Bühnenshow, Musik, Tanzelemente; all das wirklich gelungen. Aber der Geschichte an sich wird die Inszenierung nicht gerecht. Es sind plakative Figuren, es sind überzogene Szenen, es ist laut und hysterisch und wo das Feuilleton von einer ergreifenden Liebesszene schreibt, sehe ich Klischees in einer sehr schönen Umgebung. Aber die intensiven Gefühle, die Charakterentwicklung der Figuren, ihre Einsamkeit und Zerrissenheit, all das findet keinen Ausdruck, all das wird platt behauptet in einer Aneinanderreihung von Szenen, die man als Lückenfüller zwischen den Partyszenen inszeniert hat. In der Presse steht, dass das den Nerv des Bielefelder Publikums trifft. Soll es. Was mich wirklich irritiert ist, dass im Feuilleton Tiefgründigkeit behauptet wird, wo allein die Oberfläche schön glänzt.
Meine Vorhaben sind gut, meine Beobachtungsgabe immer noch ordentlich, nur ergibt sich kein folgerichtiges Handeln daraus.
Das ungelöste Rätsel, das wir sind, schreibt A. in einem Gedicht. Wie schön, sich selbst als Rätsel betrachten zu können, denke ich.
Ich begleite M. zu einer Veranstaltung bei der der Übersetzer der Asterix Comics sehr bild- und beispielhaft erklärt, welche Schwierigkeiten, welche Herausforderungen das Übersetzen bereit hält, was für eine, häufig scheinbar unlösbare, Aufgabe es ist, den Humor von einer Sprache in die andere zu transferieren. Leider war das alles zu lang, zu wenig strukturiert.
Die Zeit teilt sich durch sich selbst. Wird zu immer kleineren Partikeln. Kaum sichtbar. So klein, dass sie nicht mehr vergehen kann.